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Irdenwerk

Wissen

Niederrheinische Irdenware: Geschichte

Unter Niederrheinischer Irdenware versteht man Gebrauchs- und Zierkeramik, die vom 16./17. bis ins 19./20. Jahrhundert am Niederrhein und in den angrenzenden niederländischen Gebieten Limburg und Brabant hergestellt wurde. Sie war in der Regel bleiglasiert, häufig bemalt und mit weiteren Techniken verziert. Die Töpferregion reicht etwa vom Rhein im Osten bis zur Maas im Westen und von Nimwegen im Norden bis auf die Höhe von Bonn im Süden.

Ursprünge im 17. Jahrhundert

Eine in Duisburg ausgegrabene Schüssel trägt das Datum 1639. Sie ist der älteste datierte Beleg für eine Produktion von bleiglasierter Irdenware am Niederrhein. Ebenfalls in das zweite Viertel des 17. Jahrhunderts gehören diverse Teller und Schüsseln aus Fundbergungen im Kölner Stadtgebiet. Sie wurden zusammen mit kammstrichverzierter Ware gefunden und erinnern mit ihrem Dekor an einfach dekorierte Maasländische Keramik. Die Teller mit weißlichen oder cremefarbenen Scherben sind mit rostfarbenem Malhorndekor verziert und zeigen vor allem stilisierte Tulpenmotive oder am Rand ein unterbrochenes Wellenmuster. Dieses Muster kommt auch auf einigen Irdenwaren aus Nordholland des 17. Jahrhunderts vor. In die Mitte des 17. Jahrhunderts sind zwei dekorierte Teller aus einem Fundkomplex in Venlo einzuordnen. Auch Fundstücke aus Düsseldorf und Köln aus dem 17. Jahrhundert belegen den Beginn der Produktion von dekorierter niederrheinischer Irdenware seit dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Sie ähneln im Dekor den nordholländischen Irdenwaren des 16. bis 17. Jahrhunderts.

Bis auf Venlo ist es bislang nicht gelungen, die Produktionsorte des frühen 17. Jahrhunderts am Niederrhein durch Befunde zu lokalisieren und zu belegen. Das älteste datierte Stück aus einem Fehlbrand einer Töpferei ist eine Schüssel aus Hüls mit der Jahreszahl 1668.

Dekortechniken

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts findet man bei den niederrheinischen Irdenwaren auch Ritzdekor in Kombination mit Malhornverzierung. Ein Beispiel ist ein Tellerfragment aus Kempen mit der Jahreszahl 1696. Der bislang älteste bekannte Teller mit der Kombination aller Dekortechniken, also Springfederdekor, Sgraffitotechnik und Malhorn, ist mit der Jahreszahl 1703 datiert.

Springfederdekor findet sich in nennenswerten Stückzahlen bislang nur auf Tellern aus Tönisberg, Tegelen, Gennep und Neuss, in Einzelfällen auch aus Kervenheim und Issum. Alle Beispiele stammen ausschließlich aus dem 18. Jahrhundert. Die Technik des Ritzdekors, insbesondere auf den großen Prunkschüsseln, ist ebenfalls vorwiegend für das 18. Jahrhundert belegt. Sie reicht in Schaephuysen, Sonsbeck und Tönisberg bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Nur in Einzelfällen findet man diese Dekortechniken noch nach den 1810er bis 1820er Jahren.

Serienproduktion für den Export

An vielen Orten überwog im 18. und 19. Jahrhundert die Verzierung mit dem Malhorn ohne aufwendigen Ritzdekor. Das gilt besonders dort, wo für den Export in großen Serien produziert wurde. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gruppe der Töpferorte Sonsbeck, Issum und Kervenheim. Dort wurden relativ ähnliche Dekore für den niederländischen Markt produziert, die bis nach England, Norwegen und Schweden nachgewiesen sind. Die Ware wurde über den Rhein in die reichen Niederlande verschifft. Zahlreiche Bodenfunde typischer „Nederrijns Aardewerk“ aus den Großstädten belegen die flächendeckende Verbreitung dieser Waren im gesamten Gebiet der Niederlande und von dort über die Schelde bis nach Flandern.

In Frechen wurde in noch größerem Umfang einfach dekorierte Irdenware in Serie hergestellt. Die meist floralen Dekore auf hellem Scherben waren am gesamten Niederrhein beliebt und wurden auch über Zwischenhändler vertrieben. Es ist wahrscheinlich, dass ein Hülser Töpfer neben den eigenen Erzeugnissen auch Frechener Irdenwaren vertrieb. Auch diese Keramiken gelangten über den Rhein bis in die Niederlande. Die Stilistik der Frechener Dekore war beim Verbraucher so beliebt, dass in mehreren Töpferorten Kopien im Frechener Stil entstanden. Diese frühe Form der Nachahmung ist aus Neuss, Glimbach und Helenabrunn-Ummer belegt. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts fertigte die Töpferei Kölschen in Schaephuysen Nachahmungen nach Frechener Vorbild, etwa mit einer Vogeldarstellung.

Niedergang im 19. Jahrhundert

Seit den 1820er Jahren findet eine Vereinfachung der Dekorelemente statt. Sie geht einher mit der Änderung von Konsumgewohnheiten und dem Aufkommen industriell gefertigter Gefäße, etwa aus dem Westerwald. Nach dem Erfolg der Konservendose war das der Anfang vom Ende für die handwerkliche Töpferei. Statt irdener Schüsseln waren auf einmal Büchsen und Weckgläser gefragt, Errungenschaften der industriellen Massenproduktion, die viel schneller und billiger hergestellt werden konnten als die tönernen Gefäße. Der moderne Haushalt versorgte sich nun mit Gebrauchswaren aus Emailblech und Glas (ab 1870), Steingut und Porzellan. Keramikteller und -schüsseln aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weisen nur noch wenige geometrische Dekorelemente auf. Zeit ist Geld: Es wurde auf Masse produziert, oder man spezialisierte sich auf Nischenprodukte, Sonderformen und Gefäße wie zum Beispiel Milchsatten, die von den Massenfabrikationen nicht hergestellt wurden.

Mit der langsamen Gründung von Molkereien im städtischen Umfeld brach der Umsatz in den umliegenden Töpferorten drastisch ein, da die ländliche Bevölkerung keine Tonschüsseln mehr für die Herstellung von Butter und Käse benötigte. Die meisten Töpfereien produzierten im 19. Jahrhundert hauptsächlich noch Geschirr für die Landbevölkerung. Die Stadtbevölkerung bevorzugte zu dieser Zeit bereits Porzellan. Neben der Konkurrenz durch Gefäße aus haltbareren Materialien führten regional auch der zunehmende Mangel an abbaubarem gutem Ton, schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Löhne zu einem drastischen Rückgang der Töpferei. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren nur noch wenige traditionelle Töpferbetriebe tätig und produzierten beispielsweise in Schaephuysen, Tönisberg oder Hüls noch Blumentöpfe oder Dachpfannen, entsprechend auch in Glimbach.

Quellen

  • Duisburger Schüssel von 1639: Gaimster 1988, 64.
  • Kölner Fundbergungen mit kammstrichverzierter Ware: Burhenne/Gaimster/Stephan/Schillig 1991, 92–100.
  • Vergleich mit einfach dekorierter Maasländischer Keramik: Herkenrath 1969, 124, 131, dort mit Abb. 427.
  • Unterbrochenes Wellenmuster auf nordholländischer Irdenware: Museum Boymans 1988, 50, dort Abb. 61.
  • Zwei dekorierte Teller aus einem Fundkomplex in Venlo: Weynans 2016, 274, dort mit Abb. 19 und 20.
  • Ähnlichkeit mit nordholländischen Irdenwaren des 16. bis 17. Jahrhunderts: Burhenne/Gaimster/Stephan/Schillig 1991, 102–116.
  • Schüssel aus Hüls von 1668: Mellen 2009, 3.
  • Tellerfragment aus Kempen von 1696: Weynans 2010, 13, dort Abb. 5.
  • Teller von 1703 mit allen Dekortechniken: Weynans 2009, 27.
  • Ritzdekor in Schaephuysen, Sonsbeck und Tönisberg bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts: Scholten-Neess/Jüttner 1971, 560–561.
  • Export über den Rhein in die Niederlande: Janssen/Oerschkes/Schmitz/Segschneider 2019, 139–141.
  • Hülser Töpfer und Frechener Irdenware: Nachlass Werner Mellen, unpubliziert.
  • Vereinfachung der Dekore seit den 1820er Jahren: Weynans 2011, 4–5.
  • Nischenprodukte wie Milchsatten: siehe den Beitrag von Segschneider sowie Knieriem/Segschneider 2014, 73.
  • Töpfereibetriebe um 1900 in Schaephuysen, Tönisberg, Hüls und Glimbach: Krudewig 2006.
  • Dreibeiniger Henkeltopf als Scherbenfund, mit rostbraunem Malhorndekor auf gelber Glasur.
  • Teller mit Vogel im Spiegel, Ritzringen und grünen Ornamenten am Rand.
  • Zwei Scherben mit Vogeldarstellung in Grün und Gelb auf braunem Grund.
  • Teller mit Blütenrosette im Spiegel, umgeben von dicht gezogenen Ritzlinien und grünen Blättern.
  • Teller mit Stern aus grünen Strahlen und einer Jahreszahl in der Mitte.
  • Teller mit Einhorn, Initialen, Jahreszahl 1790 und einem niederländischen Spruch.
  • Schüssel mit liegendem Tier mit Federbusch im Spiegel, darunter ein Inschriftband, umgeben von grünem Ring und rotbraunem Wellenband.
  • Teller mit stilisierter Blüte in Blau, Rot und Grün im Spiegel, am Rand eine umlaufende Inschrift mit der Jahreszahl 1921.
  • Teller mit roter Blüte und grünen Blättern im Spiegel, am Rand Wellenlinien und Spiralen.
  • Teller mit einem Vogel in Rot und Grün im Spiegel, am Rand rote Linien und Schriftzüge.
  • Kleiner Teller mit dichtem Ritz- und Malhorndekor in Rot und Grün auf hellem Grund.