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Irdenwerk

Wissen

Irdenware im 20. Jahrhundert

Wiederbelebung im frühen 20. Jahrhundert

Im Rahmen seiner Bestrebungen für eine Förderung des Töpfer- und Kunsthandwerks setzte sich der Krefelder Museumsdirektor Friedrich Deneken zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Wiederbelebung der traditionellen Dekortechniken durch die noch aktiven Töpfereien ein. Er gewann den Keramiker Paul Dresler (1879–1950) aus Diessen am Ammersee. Dresler ließ sich in Krefeld nieder und gründete am 2. Dezember 1913 die „Töpferei Grootenburg Paul Dresler GmbH“. Es zeigte sich schnell, dass Dresler keineswegs in der Tradition des Niederrheins arbeiten wollte. Er gehörte mit seinen vielfältigen Glasuren und Formen zu den experimentierfreudigsten Keramikern seiner Zeit. 1937 erhielt Paul Dresler die Goldene Medaille auf der Pariser Weltausstellung.

In der Töpferei Grootenburg erlernten über mehrere Jahrzehnte hinweg viele später sehr erfolgreiche und bekannte Keramiker das Handwerk. Darunter befanden sich zwei Künstler, die später ganz in der Tradition der niederrheinischen Töpferkunst kunstvoll verzierte Töpferwaren herstellten: Grethe Vorfeld-Holtmann (1899–1992), später in Kevelaer tätig, und der spätere Leiter der Meisterschule für das gestaltende Gewerbe Peter Bertlings (1885–1982). Ebenfalls zunächst in Krefeld tätig war der Sohn eines Ziegelbäckers, Josef Hehl (1884–1953). Er versuchte sich anfangs auch in der Kunst der Niederrheinischen Malhornware, offenbar ohne die dafür notwendige Sorgfalt oder Geduld aufbringen zu können. Seine Stärke lag in der Verwendung von Metallglasuren auf Gefäßen und Skulpturen, die ihre besondere Wirkung in einer sparsamen Einfachheit in Form und Proportion erzielten.

Tönisberg und Sevelen

Carl Heil (1872–1945) war ursprünglich Kirchenmaler und Mitglied des Krefelder Kunstgewerbevereins. Deneken begeisterte ihn für das alte Töpferhandwerk. 1921 gründete Heil die Tönisberger Tonwerke GmbH, wo er Tonschüsseln und andere Keramik im traditionellen Stil fertigte.

Am 20. November 1928 beschloss der Kreistag Geldern, eine „Gesellschaft zur Hebung der Tonbäckerei“ zu gründen. Sie sollte die heimische Töpferkunst beleben und Arbeitsplätze für arbeitslose Töpfer schaffen. 1929 wurde das Vorhaben in Sevelen umgesetzt. Carl Heil wurde Gründer und Gesellschafter der „Niederrheinischen Kunsttöpferei GmbH“. Seine Zeit in Tönisberg endete auch deshalb, weil sein Kompagnon bei den Tönisberger Tonwerken die Zukunft in der Baukeramik sah. In der Sevelener Werkstatt waren im Laufe der 1930er und 1940er Jahre mehrere Künstler tätig, darunter Lilli Abt und Josef Molderings. Sie schufen wunderbare Keramiken mit Ritzdekor und Malhornverzierung.

Glimbach

Aufgrund der Anregungen aus dem Umfeld des Krefelder Museums und Kunstgewerbevereins setzte sich im Jahr 1914 der Landrat des Kreises Erkelenz, Dr. von Reumont, zusammen mit Dr. Schmid aus Aachen, der unter anderem auch die kunstgeschichtliche Sammlung der Aachener Hochschule verwaltete, für die Neubelebung des Töpferhandwerks in Glimbach ein. Im folgenden Jahr war der Hülser Keramiker und Grafiker Franz Josef Lichtenberg (1879–?) mehrfach für einige Monate in Glimbach, um zusammen mit den Töpfern nach seinen Vorlagen Keramik mit dem Malhorn zu verzieren. Unterstützung fand Lichtenberg neben den Töpfern Kniepen und Finken auch durch den damals bereits 70-jährigen Töpfermeister Nohr aus Glimbach. Im Jahr 1915 veröffentlichte Franz Josef Lichtenberg seinen Bericht mit dem Titel „Wiederbelebungsversuche der Töpferei im Kreise Erkelenz“, inklusive fotografischer Darstellung der 1915 in Glimbach produzierten Töpferwaren. Nach 1915 war Lichtenberg wohl nicht mehr in Glimbach tätig. Auch ist zu vermuten, dass viele junge Männer, die zu jener Zeit hätten angelernt werden können, im Kriegseinsatz waren. 1936 berichtete Leo Sels, dass inzwischen nur noch die maschinelle Herstellung von Blumentöpfen erfolgte.

Tegelen und Limburg

1929 fusionierte die Tonwarenfabrik van Alfred Russel mit der Tigliafabrik in Tegelen. Zuerst entstanden nur Dachpfannen und Backsteine. 1936 kam ein Atelier für Zierkeramik hinzu, in dem zeitweise bis zu 120 Töpfer und Künstler malhornverzierte Gefäße und sakrale Skulpturen herstellten. Das Atelier wurde 1971 geschlossen, weil die Einnahmen sanken und maschinell gefertigte Waren sowie billigere Materialien wie Kunststoff Konkurrenz machten.

In Limburg hielt sich die Keramiktradition offenbar länger als im Rheinland. Viele Keramiken dieser Zeit, die „zweite Welle Tegelener Volkskunst“, sind im Keramikmuseum „Tiendschuur“ in Tegelen zu sehen. Der letzte Geschäftsführer des Ateliers Russel-Tigilia, Theo van Rens, richtete 1971 eine Kursus-Werkstatt mit Material und Ausrüstung des Ateliers ein. Durch Unterrichtskurse sollten die Alt-Tegelener Techniken erhalten bleiben. Er unterrichtete auch Arbeitslose, die sich zu Keramikern umschulen lassen wollten. Einer dieser Kursteilnehmer, Niek Hoogland, wurde Berufskeramiker und arbeitet bis heute mit den traditionellen niederrheinischen Dekortechniken.

Die „dritte Welle“

Niek Hoogland repräsentiert ebenso wie die niederrheinischen Töpfer Horst Kippes (Geldern), Johann und Koschka Becker (Töpferei „KoJoTe“, Krefeld), Viktor Schumacher (Hüls) und Paul Lutz Weynans (Tönisberg) die „dritte Welle“ der Tegelener beziehungsweise niederrheinischen Volkskeramik.

Quellen

  • Wiederbelebung der traditionellen Dekortechniken in Krefeld: Deneken 1914 sowie Lichtenberg 1915.
  • Keramiken aus der Sevelener Werkstatt (Lilli Abt, Josef Molderings): Weynans 2010, 45–50.
  • Glimbach, Stand 1936: Sels 1936.
  • Teller zu einer Heimat-Ausstellung in Krefeld: Stadtansicht mit Burg und Wappen, umlaufende Schrift über 1000 Jahre Handwerk.
  • Teller mit Windmühle und der Aufschrift „Tönisberg 1922“, gelbe Engobe auf rotbraunem Grund.
  • Teller mit Reliefdekor und der Aufschrift „Crefeld“ auf brauner Glasur.
  • Teller mit Heuwagen, Pferd und Kindern, umlaufender Spruch, Blütenkranz am Rand.
  • Teller mit Taube über ineinandergelegten Händen und den Worten „Ja, ik wil“, 1944.
  • Gelb glasierter Henkelkrug mit Ausguss, verziert mit braunen Blattformen, Traubenmotiven aus Kreisen und aufgesetzten Knöpfen am Hals.
  • Rot gebrannter Krug mit Henkel, mit hellem Engobedekor aus Vogel und Ranken.