Die Niederrheinische Irdenware im 20. Jahrhundert

Versuch der Wiederbelebung des Töpferhandwerks zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Diese Seite erklärt die Geschichte und die Wiederbelebung des Töpferhandwerks im Niederrhein des 20. Jahrhunderts.

Im Rahmen seiner Bestrebungen für eine Förderung des Töpfer- und Kunsthandwerks setzte sich der Museumsdirektor Friedrich Deneken in Krefeld zu Beginn des 20 Jahrhunderts für die Wiederbelebung der traditionellen Dekortechniken durch die noch aktiven Töpfereien ein (vgl. Deneken 1914 sowie Lichtenberg 1915; s. u.).  Deneken konnte mit dem Keramiker Paul Dresler (1879–1950) aus Diessen am Ammersee einen Künstler gewinnen, der sich in Krefeld niederließ und am 02.121913 die Firma „Töpferei Grootenburg Paul Dresler GmbH“ gründete. Es zeigte sich schnell, dass Dresler keineswegs in der Tradition des Niederrheins arbeiten wollte. Er gehörte mit seinen vielfältigen Glasuren und Formen zu den experimentierfreudigsten Keramikern seiner Zeit. 1937 erhielt Paul Dresler die Goldene Medaille auf der Pariser Weltausstellung. In der Töpferei Grootenburg erlernten über mehrere Jahrzehnte hinweg viele später sehr erfolgreiche und bekannte Keramiker das Handwerk. Darunter befanden sich zwei Künstler, welche später ganz in der Tradition der niederrheinischen Töpferkunst kunstvoll verzierte Töpferwaren herstellen: Grethe Vorfeld-Holtmann (1899–1992), später in Kevelaer tätig, und der spätere Leiter der Meisterschule für das gestaltende Gewerbe Peter Bertlings (1885–1982). Ebenfalls zunächst in Krefeld tätig war der Sohn eines Ziegelbäckers, Josef Hehl (1884–1953), welcher sich anfangs auch in der Kunst der Niederrheinischen Malhornware versuchte, offenbar ohne die dafür notwendige Sorgfalt oder Geduld aufbringen zu können (vgl. Abb. 41). Seine Stärke lag in der Verwendung von Metallglasuren auf Gefäßen und Skulpturen, welche ihre besondere Wirkung in einer sparsamen Einfachheit in Form und Proportion erzielten.

 

 

 

 

 

Carl Heil (1872–1945), ursprünglich als Kirchenmaler ausgebildet und Mitglied des Krefelder Kunstgewerbevereins, ließ sich von Deneken ebenfalls für das alte Töpferhandwerk begeistern und gründete im Jahre 1921 die Tönisberger Tonwerke GmbH, wo er im traditionellem Stil Tonschüsseln und andere Keramik anfertigte (Abb. 42). Am 20.11.1928 fasste der Kreistag des Kreises Geldern den Beschluss, eine „Gesellschaft zur Hebung der Tonbäckerei“ zu gründen, um die heimische Töpferkunst zu beleben und Arbeitsplätze für arbeitslose Töpfer zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde im Jahre 1929 in Sevelen umgesetzt und Carl Heil wurde Gründer und Gesellschafter der „Niederrheinischen Kunsttöpferei GmbH“. Für Heil endete seine Schaffenszeit in Tönisberg, primär auch da sein Kompagnon bei den Tönisberger Tonwerken die Zukunft der Töpferei in der Produktion von Baukeramik sah. In der Sevelener Werkstatt waren im Laufe der 1930er und 1940er Jahre mehrere Künstler tätig, darunter Lilli Abt und Josef Molderings, welche wunderbare Keramiken mit Ritzdekor und Malhornverzierung schufen (Weynans 2010, 45-50)

Aufgrund der Anregungen aus dem Umfeld des Krefelder Museums und Kunstgewerbevereins setzte sich im Jahre 1914 der Landrat des Kreises Erkelenz, Dr. von Reumont, zusammen mit Dr. Schmid aus Aachen, welcher unter anderem auch die kunstgeschichtliche Sammlung der Aachener Hochschule verwaltete, für die Neubelebung des Töpferhandwerks in Glimbach ein. Im folgenden Jahr war der Hülser Keramiker und Grafiker Franz Josef Lichtenberg (1879-?) mehrfach für einige Monate in Glimbach, um zusammen mit den Töpfern nach dessen Vorlagen Keramiken mit dem Malhorn zu verzieren. Unterstützung fand Lichtenberg neben den Töpfern Kniepen und Finken auch durch den damals bereits 70jährigen Töpfermeister Nohr aus Glimbach.  Im Jahre 1915 veröffentlichte Franz Josef Lichtenberg seinen Bericht mit dem Titel „Wiederbelebungsversuche der Töpferei im Kreise Erkelenz“ inklusive fotografischer Darstellung, der 1915 in Glimbach produzierten Töpferwaren . Nach 1915 war Lichtenberg wohl nicht mehr in Glimbach tätig. Auch ist zu vermuten, dass viele junge Männer, welche zu jener Zeit hätten angelernt werden können, im Kriegseinsatz waren. 1936 berichtet Leo Sels, dass inzwischen nur noch die maschinelle Herstellung von Blumentöpfen erfolgte. (Sels 1936).

Als im Jahre 1929 die Tonwarenfabrik van Alfred Russel mit der Tigliafabrik in Tegelen fusionierte, wurden zunächst nur Dachpfannen und Backsteine hergestellt. 1936 erfolgte zusätzlich die Einrichtung eines Ateliers für Zierkeramik, in dem zeitweise bis zu 120 Töpfer und Künstler im großen Umfang malhornverzierte Gefäßkeramiken aber auch sakrale Skulpturen herstellten. Dieses Atelier wurde 1971 wegen nachlassender Einnahmen und der Konkurrenz maschinell gefertigter Produkte sowie preiswerterer Materialien wie beispielsweise Kunststoff, geschlossen.

In Limburg konnte sich die Keramiktradition in diesem Umfang offenbar länger als im Rheinland halten. Viele Keramiken aus jener Epoche, welche auch die „zweite Welle Tegelener Volkskunst“ genannt wird, sind im Keramikmuseum „Tiendschuur“ in Tegelen zu bewundern. Der letzte Geschäftsführer des Ateliers „Russel-Tigilia“, Theo van Rens, richtete 1971 eine Kursus-Werkstatt mit den Materialien und der Ausrüstung des Ateliers ein. Durch Unterrichtskurse sollten die Alt-Tegelener Techniken erhalten bleiben können. Er unterrichtete auch Arbeitslose, die sich zu Keramikern umschulen lassen wollten. Einer dieser Kursteilnehmer, Niek Hoogland, ist ein professioneller Keramiker geworden und arbeitet noch immer mit den traditionellen niederrheinischen Dekortechniken. Er repräsentiert ebenso wie die niederrheinischen Töpfer Horst Kippes (Geldern), Johann und Koschka Becker (Töpferei „KoJoTe“, Krefeld), Viktor Schumacher (Hüls) und Paul Lutz Weynans (Tönisberg) die „dritte Welle“ einer Tegelener bzw. niederrheinischen Volkskeramik.