Die Geschichte der Niederrheinischen Irdenware
Unter „Niederrheinischer Irdenware“ versteht man im Allgemeinen jene Gebrauchs- und Zierkeramik, welche vom 16./17. bis ins 19./20. Jahrhundert am Niederrhein und in den angrenzenden niederländischen Territorien Limburg und Brabant hergestellt wurden.
Sie waren in der Regel bleiglasiert und häufig bemalt und zusätzlich mit weiteren Verzierungstechniken dekoriert. Die Töpferregion reicht etwa vom Rhein im Osten bis zur Maas im Westen, von Nimwegen im Norden bis auf die Höhe von Bonn im Süden. Der Beginn der bleiglasierten dekorierten Irdenwaren am Niederrhein.
Die Ursprünge zu Beginn des 17. Jahrhunderts und das Aufkommen und die Entwicklung von Verzierungstechniken bis in das 19. Jahrhundert.
Eine in Duisburg ausgegrabene Schüssel trägt das Datum 1639 und ist somit der älteste datierte Beleg für eine Produktion von bleiglasierter Irdenware am Niederrhein (Gaimster 1988, 64). Ebenfalls in das zweite Viertel des 17. Jahrhunderts sind diverse Teller und Schüsseln aus Fundbergungen im Kölner Stadtgebiet einzugliedern, die zusammen mit der kammstrichverzierten Ware vergesellschaftet waren (Burhenne/Gaimster/Stephan/Schillig 1991, 92–100) und mit ihrem Dekor an einfach dekorierte Maasländische Keramik erinnern (Herkenrath 1969, 124, 131 dort mit Abb. 427). Die Teller mit weißlich oder auch cremefarbenen Scherben sind mit rostfarbenem Malhorndekor verziert und weisen primär stilisierte Tulpenmotive


(Abb. 13a–b) oder aber am Rand ein unterbrochenes Wellenmuster auf, welches auch auf einigen Irdenwaren von Nordholland des 17. Jahrhunderts vorkommt (Museum Boymans 1988, 50, dort Abb. 61). In die Mitte des 17. Jahrhunderts sind zwei dekorierte Teller aus einem Fundkomplex in Venlo einzuordnen


(Abb. 14a–b; Weynans 2016, 274, dort mit Abb. 19 und 20). Auch Fundstücke aus Düsseldorf und Köln mit Zuweisung in das 17. Jahrhundert sind Belege für den Beginn der Produktion von dekorierter niederrheinischer Irdenware seit dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Sie ähneln im Dekor den nordholländischen Irdenwaren des 16. bis 17. Jahrhunderts (Burhenne/Gaimster/Stephan/Schillig 1991, 102–116).
Bis auf Venlo ist es leider bislang nicht gelungen, die Produktionsorte des frühen 17. Jahrhunderts am Niederrhein durch Befunde zu lokalisieren und zu belegen. Das älteste datierte Stück aus einem Fehlbrand einer Töpferei ist eine Schüssel aus Hüls mit der Jahreszahl 1668 (Mellen 2009, 3; ähnlich: Abb. 15).


Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts ist bei den niederrheinischen Irdenwaren auch die Verwendung des Ritzdekors in Kombination mit Malhornverzierungen zu finden. Beispielhaft dafür sei ein Tellerfragment aus Kempen mit Jahreszahl 1696 genannt (Abb. 16; Weynans 2010, 13, dort Abb. 5). Der bislang älteste bekannte Teller mit der Kombination aller Dekortechniken wie Springfederdekor, Sgrafittotechnik und Malhorn ist mit der Jahreszahl 1703 datiert (Abb. 17; Weynans 2009, 27).


Springfederdekor fand sich in nennenswerten Stückzahlen bislang nur auf Tellern aus Tönisberg, Tegelen, Gennep und Neuss, in Einzelfällen auch aus Kervenheim und Issum – alle Beispiele stammen ausschließlich aus dem 18. Jahrhundert. Die Technik des Ritzdekors insbesondere auf den großen Prunkschüsseln ist ebenfalls vorwiegend für das 18. Jahrhundert belegt. Sie reicht in Schaephuysen (Abb. 18), Sonsbeck und Tönisberg bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts (Scholten-Neess/Jüttner 1971, 560–561). Nur in Einzelfällen findet man diese Dekortechniken noch nach den 1810er bis 1820er Jahren.
Vielerorts überwiegt im 18. und 19. Jahrhundert die Verzierung mit dem Malhorn ohne die aufwändige Bearbeitung mit Ritzdekor oder Ausschabtechnik, insbesondere, wenn eine groß angelegte Serienproduktion regional für den Export maßgeblich war.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Gruppe der Töpferorte Sonsbeck-Issum-Kervenheim, wo bis nach England, Norwegen und Schweden relativ ähnliche Dekore für den niederländischen
Markt produziert und dann über den Rhein in die reichen Niederlande verschifft wurden (Janssen/Oerschkes/Schmitz/Segschneider 2019, 139–141; vgl. auch Abb. 19). Zahlreiche Bodenfunde typischer „Nederrijns Aardewerk“ aus den Großstädten belegen die flächendeckende Verbreitung dieser Waren im gesamten Gebiet der Niederlande und von dort über die Schelde bis nach Flandern (vgl. Abb. 20).
Eine noch weitaus größere Serienproduktion mit einfach dekorierter Irdenware erfolgte in Frechen. Die auf hellem Scherben meist floralen Dekore (vgl. Abb. 21–26) erfreuten sich am gesamten Niederrhein großer Beliebtheit und wurden auch über Zwischenhändler verhandelt. Es ist wahrscheinlich, dass ein Hülser Töpfer neben den eigenen Erzeugnissen auch noch Frechener Irdenwaren vertrieb (Nachlass Werner Mellen, unpubliziert). Auch diese Keramiken gelangten über den Rhein bis in die Niederlande. Die Stilistik der Frechener Dekore erfreute sich so großer Beliebtheit beim Verbraucher, dass in verschiedenen Töpferorten Kopien im Frechener Stil gefertigt wurden.


Diese frühe Form der Nachahmung ist aus Neuss (Abb. 27), Glimbach (Abb. 28) und Helenabrunn-Ummer belegt. Sogar noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts produzierte die Töpferei Kölschen in Schaephuysen (Abb. 29) Imitationen nach Frechener Vorbild etwa mit einer Vogeldarstellung.

Seit den 1820er Jahren findet eine Vereinfachung der Dekorelemente statt, welche einhergeht mit der Änderung von Konsumgewohnheiten und dem Aufkommen industriell gefertigter Gefäße etwa aus dem Westerwald (Weynans 2011, 4–5). Nach dem Erfolg der Konservendose war das der Anfang vom Ende für die handwerkliche Töpferei. Statt irdener Schüsseln waren auf einmal Büchsen und Weckgläser gefragt – Errungenschaften der industriellen Massenproduktion, die viel schneller und billiger hergestellt werden
konnten als die tönernen Gefäße. Der moderne Haushalt versorgte sich nun mit Gebrauchswaren aus Emailblech und Glas (ab 1870), Steingut und Porzellan. Keramikteller und -schüsseln aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weisen nur noch wenige geometrische Dekorelemente auf. Zeit ist Geld, es wurde auf Masse produziert, oder aber man spezialisierte sich auf Nischenprodukte, Sonderformen und Gefäße wie zum Beispiel Milchsatten, welche von den Massenfabrikationen nicht hergestellt wurden (vgl. dazu den Beitrag von Segschneider; außerdem Knieriem/Segschneider 2014, 73). Mit der langsamen Gründung von Molkereien im städtischen Umfeld brach der Umsatz in den umliegenden Töpferorten drastisch ein, da die ländliche Bevölkerung keine Tonschüsseln mehr für die Herstellung von Butter und Käse benötigte. Die meisten Töpfereien produzierten im 19. Jahrhundert hauptsächlich noch Geschirr für die Landbevölkerung. Die Stadtbevölkerung bevorzugte zu dieser Zeit bereits Porzellan. Neben der Konkurrenz durch die zuvor erwähnten Gefäße aus haltbareren Materialien führte regional auch der zunehmende Mangel an abbaubarem guten Ton neben schlechten Arbeitsbedingungen und geringen Löhnen zu einem drastischen Rückgang der Töpferei. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren nur noch wenige traditionelle Töpferbetriebe tätig und produzierten beispielsweise in Schaephuysen, Tönisberg oder Hüls noch Blumentöpfe oder Dachpfannen (Krudewig 2006; entsprechend auch in Glimbach).
